Huy Burgenlauf

[hü burgenlauf]

 

Das Laufereignis von Burg zu Burg, über Stock und Stein, durch Feld, Wald und Wiese und auf den Straßen durch sehenswerte Dörfer und Landschaften.

1. Tag: Burg Schlanstedt - Huysburg - Schachdorf Ströbeck - 34 Kilometer

2. Tag: Schachdorf Ströbeck - Wasserburg Westerburg - 21 Kilometer

 
7. und 8. Mai 2005
 

Der Projektleiter des Huy Burgenlaufes, Rainard Mühlhaus, setzt voll auf den neuen Trend Landschafts- und Erlebnislauf. Da geht es vom Start vor der Burg Schlanstedt durch Feld, Wald und Dörfer bis zum Ziel in der Wasserburg Westerburg. Dabei spielt nicht wie bei den Straßenläufen die Geschwindigkeit die zentrale Rolle. Das Erleben der Landschaft, der Dörfer und Menschen im nördlichen Harzvorland steht hier im Vordergrund.

Schon die Ausgabe der Startunterlagen war etwas anders als bei den herkömmlichen Läufen. Die erfolgte nämlich in der Burg. Durch die Toreinfahrt hindurch, befand sich auf der anderen Seite des Innenhofs hinter einer niedrigen Tür und einigen Ecken das Organisationsbüro. Die Aushändigung der Startertüte ging so fix, dass ich mich mit meiner Familie noch zu einer Besichtigung des Burgfrieds entschließen konnte. Für eine Besichtigung der Burg konnte ich allerdings nicht mehr die nötige Ruhe aufbringen.

Weit vor der Startzeit hatten sich Läufer in der Tordurchfahrt zum Schutz gegen den Nieselregen aufgestellt. Im Innenhof gaben die Jagdhornbläser aus Eilenstedt noch ihr Bestes. Vor dem Burgtor harrten seit geraumer Zeit drei wackere Schützen mit ihren Gewehren im Regen aus, um auf Kommando eine Salve als Startsignal zu geben. Die Läuferschar (248 Melder) wurde langsam unruhiger, da die Startzeit leicht überschritten war und die meisten Sportler keinen trockenen Startplatz mehr abbekommen hatten.

Innenhof von Burg Schlanstadt -  fotografiert vom Burgfried aus. Der dreifache Startknaller schickt die Athleten auf die Strecke

Nachdem Polizei, Sanitäter und Helfer vollzählig beisammen waren, setzte der dreifache Startknaller das Feld in Bewegung. Bei einigen Sportlern hatte es sich wohl noch nicht herumgesprochen, dass bei diesem Lauf keine Zeitnahme erfolgt. Sie beschleunigten auf der abschüssigen, feuchten Kopfsteinpflasterstraße so schnell, dass ein Fotograf sich und seine Kamera gerade noch von der Straße in Sicherheit bringen konnte.

Das HarzvorlandDas erste Teilstück führt über 24 Kilometer von Schlanstedt zum Kloster Huysburg. In den Dörfern war die Laufstrecke von Polizei oder Feuerwehr abgesichert. Außerhalb der Ortschaften ging es auf Rad-, Feld-, Wald- und Wirtschaftswegen durch die abwechslungsreiche Landschaft vor den Harzbergen. Dort, wo die Läufer Landstraßen überqueren mussten, stoppte die Polizei den Verkehr. In den Dörfern verteilten freiwillige Helfer Getränke. Die zwei Motorräder vom Rettungsdienst wurden unterstützt von zwei Radfahrern, die einen prüfenden Blick besonders auf Einzelläufer warfen und kurz ein paar freundliche Worte mit ihnen wechselten.

Irgendwann war endlich der Turm der Klosterkirche auf dem höchsten Punkt (307 m) des Höhenzuges Huy zu sehen. Die Vorfreude auf das nahe Etappenziel legte sich aber zunehmend, je mehr die Streckenführung in der Ebene vom Ziel wegführte. Erst als von der Huysburg schon lange nichts mehr zu sehen war, bog die Laufstrecke in den von Buchen bewachsenen Huy ab. Es folgte ein endlos wirkender Aufstieg von mehr als zwei Kilometern Länge. Nass bis auf die Haut, mit Wasser in den Laufschuhen und durch und durch fröstelig erreichte ich das Tor zum Kloster, an dem ich schon von meiner Familie erwartet wurde. Selbst der Prior des Klosters ließ es sich nicht nehmen, die Läuferschar mit Beifall zu begrüßen.

Applaus vom Prior Der Prior führt durch die Klosterkirche
Nach dem Wäschewechsel und dem gemeinsamen Mittagessen aus der Gulaschkanone hatten Regina (meine Frau) und Florian (mein Sohn) mich soweit wieder aufgebaut, dass ich für eine Besichtigung der Klosterkirche fit war. Der sympathische Prior führte die Athleten und deren Begleitpersonen persönlich durch seine beeindruckende Kirche.
Gut hydriert und warm angezogen ging es nach zwei Stunden Laufpause auf der Etappe über 10 Kilometer nach Ströbeck. Die Startsalve gaben dieses Mal fünf Schützen aus dem nahegelegenen Dorf Dingelstedt mit historischen Faustfeuerwaffen.

Eine Wetteränderung hatte es bisher nicht gegeben. Nur die großen Rapsfelder mit ihrem freundlichen Gelb hellten die Landschaft etwas auf. Eine Besonderheit sind die Straßen und Wege mit alten Obstbäumen an beiden Seiten. Sie befinden sich in der Nähe der Dörfer und sind wohl typisch für das ostdeutsche Landschaftsbild.

Der "Platz zum Schachspiel"Kurz nach Erreichen des Schachdorfes Ströbeck und Ende der Tagesetappe von 34 Kilometern hörte endlich der Nieselregen auf.
Hier eine kurze Erklärung zum Namenszusatz des Dorfes Ströbeck, dessen Wappen ein Schachbrett darstellt. Das Schachspiel wird seit 1011 in der Chronik erwähnt. In diesem Jahr ließ Heinrich II einen Adligen in den noch heute vorhandenen Wartturm (ein paar Schritte vom Ziel entfernt) einsperren. Aus Langeweile brachte dieser seinen Bewachern das Schachspiel bei. Erstaunlicherweise lernten auch einige Dorfbewohner rasch die Regeln und Generationen spielen nun seit fast 1000 Jahren das königliche Spiel. Bis vor wenigen Jahren war Schach auch ein Unterrichtsfach in der Schule. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Dorfmitte ein überdimensionales Schachbrett dominiert. Auf diesem Spielfeld standen lebende Schachfiguren und bildeten Einlaufgasse und Ziel im Schachdorf Ströbeck. Zusätzlich wurden die Athleten noch von einem Spielmannszug begrüßt. Für die Sportler, die neben den Laufschuhen auch die Tanzschuhe dabeihatten, wurde zur Überbrückung der Nacht vom Veranstalter noch eine Disco angeboten. Mir jedoch stand nach dieser Etappe nur noch der Sinn nach einer warmen Dusche und einem weichen Bett.

Der Berichterstatter - fix und fertig nach 34 Kilometern am ersten TagAm nächsten Tag erfolgte der Start nach den Darbietungen der Aerobic-Gruppe und anderen Künstlern auf dem "Platz zum Schachspiel". Noch vor dem Passieren des Ortsausgangsschildes setzte auf der letzten Etappe der Nieselregen wieder ein. Das störte mich nun aber nicht mehr so sehr. Ich war noch immer erleichtert, dass der Sturm, der in der Nacht so kräftig geweht hatte, vorüber war.
Die Vorstellung, dass nach Verlassen des Huys das flache Land auf mich wartete, erwies sich als Illusion. Eine hügelige Landschaft dominierte bei der letzte Etappe über 21 Kilometer. Reizvoll anzusehen, aber nach den 34 Kilometern vom Vortag nicht ganz ohne. Der Regen hörte nun langsam auf und auf dem letzten Viertel der Strecke kam endlich mehr und mehr die Sonne durch. Die Landschaft wurde flacher und in einem kleinen Waldstück tauchte der Bergfried der Westerburg auf. Im Zickzackkurs ging es nun mit leichteren Schritten dem Ziel entgegen. Zur Überraschung der Erstteilnehmer ging es nicht auf dem kürzesten Weg durch das naheliegende, hintere Tor in den Burghof. Erst musste auf dem Wirtschaftsweg die halbe Anlage bis zum Haupttor mit dem Wassergraben umrundet werden. Das Ziel nach den Strapazen dieses Tages lag nun endlich in greifbarer Nähe. Der Organisator des Laufes (mit Interesse an Burgen) wollte die Läufer wohl konsequenter Weise noch etwas auf die Folter spannen. Es folgte eine Kehre von fast 180 Grad, die Athleten mussten den Burgwall "erklimmen" und von dort aus die Burg bis zum Haupttor ganz umrunden. Dann erst ging´s auf einer Brücke über den Wassergraben in die Burganlage. Dort wurden die Sportler von Ritter Gerd und Burgfräulein Doreen in historischen Kostümen begrüßt. Nach der Urkundenausgabe wurden alle Erstteilnehmer auf dem Burghof für ihre sportlichen Leistungen zum Ritter geschlagen.

Nr. 95 - vom Familienbegleitteam im Gelände entdeckt Ritter Gerd und Burgfräulein Doreen stützen den Finisher nach 55 Kilometern

Der Huy-Burgenlauf (gesprochen: hü-burgenlauf) ist eine gut organisierte Laufveranstaltung im landschaftlich attraktiven Harzvorland. Überrascht war ich über die große Beteiligung der Bewohner/Vereine an der Unterstützung und den Auftritten rund um dieses Ereignis. Überdenken sollte der Veranstalter die Länge des Abschlussprogramms. Wie immer, wird ein Teil der Läufer von Familienangehörigen begleitet, die nicht die gleiche Begeisterung für diesen Ausdauersport mitbringen können.

Gäbe es eine Gewähr für halbwegs gutes Wetter würde ich den 1 ½-Stunden Anfahrtsweg aus der Region Hannover gern in Kauf nehmen und mich sofort für den nächsten Lauf anmelden.

Rainer Lingemann

 
Hintergrundfotos: Läufer im Harzvorland